KI-Kompetenz ist Führungsaufgabe – und Zukunftsfrage

Ein Interview mit den Autoren Karl-Heinz Schulte & Daniela Hellwig

Was bedeutet KI-Kompetenz für Dich persönlich?

Karl-Heinz Schulte: KI-Kompetenz beginnt mit der Fähigkeit, KI-Modelle zu nutzen und damit zu experimentieren. Diese ersten Fertigkeiten schaffen eine gute Basis. Für mich bedeutet KI-Kompetenz aber vor allem Künstliche Intelligenz nicht nur zu verstehen, sondern kritisch zu bewerten und strategisch einzusetzen. Es geht darum, die Technologie in bestehende Prozesse zu integrieren und gleichzeitig ihre gesellschaftlichen, ethischen und wirtschaftlichen Auswirkungen zu reflektieren. Entscheidend ist, dass KI-Kompetenz auf allen Ebenen eines Unternehmens gelebt wird – vom Aufsichtsrat über die Geschäftsführung bis hin zu den Praktikanten. Für mich persönlich ist es auch eine Frage der Verantwortung: als Brückenbauer zwischen Mensch und Technologie zu wirken und einen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft zu leisten.

Mit welchen Themen sollte man sich denn heute im Alltag beschäftigen, um KI-ready zu sein? Was wären Deine Empfehlungen?

Daniela Hellwig: Der Schlüssel, um KI-ready zu werden, ist Mut: probieren, experimentieren, Fehler machen und daraus lernen. Die ersten Schritte sind oft die wichtigsten, und gerade hier sollten wir pragmatisch sein. Digital Adoption ist dabei essenziell – sowohl für uns als Individuen als auch für Unternehmen. Die Zeit, um neue Technologien zu adaptieren, wird durch KI immer kürzer; wir haben keine Generationen mehr, um uns an den Wandel anzupassen.

Im unternehmerischen Kontext empfehle ich, sich vor allem mit drei Aspekten auseinanderzusetzen: Erstens, ein grundlegendes Verständnis für Daten – wie sie entstehen, verarbeitet und genutzt werden. Zweitens, die Funktionsweise von KI-Modellen auf einer konzeptionellen Ebene – man muss kein Programmierer sein, aber wissen, wie KI Entscheidungen trifft. Drittens, die Auswirkungen von KI auf Gesellschaft und Arbeitswelt – welche Werte wollen wir wahren, und wo müssen wir uns weiterentwickeln? Besonders in Unternehmen ist es entscheidend, Technologien nicht nur einzuführen, sondern sicherzustellen, dass sie effektiv und flächendeckend genutzt werden.

Ignoranz ist eine Strategie mit Veränderung umzugehen. Wie wirkt es sich aus, wenn man sich dem Thema KI-Kompetenz nicht stellen will?

Karl-Heinz Schulte: Ignoranz in Bezug auf KI ist eine hochriskante Strategie. Unternehmen, die KI ignorieren, laufen Gefahr, im Wettbewerb abgehängt zu werden, weil sie Innovationen verpassen und ineffizient bleiben. Gesellschaftlich riskieren wir, von globalen Entwicklungen überrollt zu werden, was zu einer Abhängigkeit von außereuropäischen Lösungen führen kann. Das wäre für Deutschland fatal, denn wir brauchen profitables Wirtschaftswachstum und neue Kernkompetenzen, um langfristig erfolgreich zu sein. KI-Kompetenz ist also nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Wo gibt es denn gesellschaftlichen Handlungsbedarf, damit Europa bei KI morgen noch mitreden und eine Rolle spielen kann?

Daniela Hellwig: Neugier gepaart mit Zuversicht: Wir müssen den Mut entwickeln, KI zu wollen, auszuprobieren und auch Fehler zuzulassen. Europa braucht dringend eine Innovationskultur, die diesen Ansatz fördert. Gleichzeitig ist Bildung und Weiterbildung essenziell, um ein breites Verständnis für KI zu schaffen. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Digital Adoption: Technologien müssen nicht nur eingeführt, sondern auch wirklich genutzt werden – sei es in Unternehmen oder in der Gesellschaft. Die Zeit zur Anpassung an neue Technologien wird durch KI immer kürzer; wir haben keine Generationen mehr, um uns an den Wandel anzupassen. Staatliche Förderungen sollten daher gezielt KMUs und Start-ups den Zugang zu KI erleichtern. Zudem müssen wir europäische Plattformen und Netzwerke aufbauen, um unabhängiger von den USA und China zu werden.

Wer sind dabei die wichtigsten Akteure?

Karl-Heinz Schulte: Die zentralen Akteure in diesem Prozess sind Unternehmen, Bildungseinrichtungen und politische Entscheidungsträger. Im Unternehmen sind alle Ebenen gefragt, aber der CIO kommt eine besondere Rolle zu: Sie hat die Fähigkeiten, das Thema über alle Bereiche hinweg zu treiben. Aufsichtsräte sollten ihre Vorstände herausfordern, während Fachexperten ihre Führungskräfte in die Pflicht nehmen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass auch Cyberangreifer KI nutzen, was Unternehmen wie auch staatliche Stellen in eine besondere Verantwortung bringt, Schutz und Sicherheit zu gewährleisten. Unternehmen müssen KI nicht nur als Effizienztreiber sehen, sondern auch als Werkzeug für gesellschaftliche Innovation. Besonders Co-Innovationen über Unternehmensgrenzen hinweg bieten enormes Potenzial. Bildungseinrichtungen sollten KI-Kompetenz in ihren Lehrplänen verankern – von Schulen bis hin zu Universitäten. Und die Politik ist gefordert, regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, die Innovation fördern und gleichzeitig ethische Standards wahren.

Wie wichtig ist das Thema Regulierung? Bremse, Enabler, Treiber?

Daniela Hellwig: Regulierung ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn sie überzogen ist, kann sie Innovation hemmen, aber klug gestaltet kann sie Vertrauen schaffen und als Enabler wirken. Besonders wichtig ist die internationale Zusammenarbeit: Europa kann sich keine regulatorischen Flickenteppiche leisten, sondern braucht einheitliche Standards. Unternehmen sollten Regulierung nicht als Blockade sehen, sondern als Chance, sich in einem klaren Rahmen zu entfalten und Akzeptanz in der Gesellschaft zu fördern. Insbesondere kann aber auch Deregulierung ein Enabler sein: Sobald regulatorische Hürden einzelner Branchen oder Industrien den Einsatz von KI verhindern, kann gezielte Deregulierung ein Türöffner für Innovation sein.

Warum ist Euch das Thema KI persönlich so wichtig?

Karl-Heinz Schulte: KI ist für mich ein Schlüssel, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Und Technologie ist verantwortlich so zu gestalten, dass sie menschliche Werte unterstützt und nicht gefährdet. Eine besondere Herausforderung sehe ich darin, Deutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen, neue Kernkompetenzen zu entwickeln und Schlüsselindustrien aufzubauen oder umzubauen. Nur so können wir langfristig nachhaltigen Erfolg sicherstellen.

Daniela Hellwig: Mich begeistert, wie KI komplexe Probleme lösen kann. Gleichzeitig fasziniert mich die Frage, wie wir sicherstellen können, dass diese Technologie inklusiv bleibt. Wir brauchen Möglichkeiten, Bewusstsein für KI zu schaffen und konkrete Handlungsperspektiven aufzuzeigen. Und Gelegenheiten, das Thema auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu verankern und den Brückenschlag zwischen Vision und Umsetzung zu schaffen.

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